Karlspreis 2024

Karlspreis 2024

Begründung des Direktoriums der Gesellschaft
für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen
an den Präsidenten der Konferenz der europäischen Rabbiner (CER),
Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt,
und die jüdischen Gemeinschaften in Europa

 

In Würdigung seines herausragenden Wirkens für den Frieden, die Selbstbestimmung der Völker und die europäischen Werte, für Toleranz, Pluralismus und Verständigung, und in Anerkennung seines bedeutenden Engagements für den interreligiösen und interkulturellen Dialog ehrt das Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen im Jahr 2024 den Präsidenten der Konferenz der europäischen Rabbiner, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, und gemeinsam mit ihm die jüdischen Gemeinschaften in Europa.
Das Karlspreisdirektorium will mit dieser Auszeichnung das Signal setzen, dass jüdisches Leben selbstverständlich zu Europa gehört und in Europa kein Platz für Antisemitismus sein darf. Jüdisches Leben ist ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte und Gegenwart – jetzt und in Zukunft.

„Jeder Angriff auf einen Juden ist ein Angriff auf all das, worauf Europa stolz sein kann. Die Art, wie wir Juden und andere Minderheiten behandeln, ist wie ein Lackmustest für den Gesundheitszustand unserer offenen europäischen Gesellschaft.“ Dieser Ausspruch des vormaligen Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans, unterstreicht Wesentliches: Jede Form von Antisemitismus, jeder Angriff, jede Herabwürdigung, erst recht jede Gewalttat ist ein Angriff auf uns alle, ist ein Angriff auf unsere freiheitliche, demokratische und pluralistische Ordnung, auf unser Zusammenleben in einem Europa, das seine Einheit erstrebt, gerade indem es seine Vielfalt akzeptiert, respektiert und ganz selbstverständlich praktiziert. Ein Europa, das überall da, wo Minderheiten bedroht sind, Haltung, Verantwortung und Solidarität sichtbar zeigen muss.

Wir leben in einer pluralistischen, zunehmend säkularisierten Gesellschaft. Aber das vereinte Europa ist nicht wertneutral. Nur wo der Einzelne in seiner Würde und seinem Anderssein geachtet wird, ist ein friedliches, von Toleranz, Verständnis und Mitmenschlichkeit geprägtes Zusammenleben möglich.

„Die Bibel, die Wurzel unseres gemeinsamen jüdisch-christlichen Erbes“, so betont Oberrabbiner Goldschmidt, „spricht immer wieder von der Bedeutung, ‚den Fremden‘ willkommen zu heißen. Auch dies ist ein Teil unserer europäischen Identität. Wenn wir uns zu einer gemeinsamen Identität bekennen, dann sollten wir uns auch darum bemühen, sie mit anderen zu teilen. Wenn wir Pluralismus unterstützen, sollten wir nicht versuchen, ihn zu verleugnen, sondern sollten ihn stattdessen überall rigoros fördern. […] Wenn wir den Einwanderern aus totalitären Gesellschaften, in denen jede alternative Religionsausübung […] untersagt ist, die Idee des Pluralismus und eine ‚leben und leben lassen‘-Mentalität vermitteln wollen, sollte Europa Toleranz gegenüber jenem religiösen Pluralismus vorexerzieren und gerade hier die Vorreiterrolle übernehmen.“

Und während die zurückliegenden Wochen und Monate einmal mehr auf brutale Weise vor Augen geführt haben, wie Religion und Kultur auch missbraucht werden können, wie aus Quellen der Hoffnung und des Friedens Instrumente von Hass und Gewalt werden können, bringt Oberrabbiner Goldschmidt drei fundamental entscheidende Punkte deutlich zum Ausdruck: dass Menschen unterschiedlichster religiöser und kultureller Herkunft in Europa ihren Platz finden müssen; dass der interkulturelle Dialog, die Fähigkeit zur Begegnung und zum vorurteilsfreien Austausch mehr denn je zu den großen Herausforderungen unserer Zeit zählt; dass aber beim Eintritt in diesen Dialog die europäischen Werte nicht verhandelbar sind und das von Demokratie, Freiheit und Recht geprägte europäische Lebensmodell nicht zur Disposition steht.

Pinchas Goldschmidt wurde am 21. Juli 1963 in einer jüdisch-orthodoxen Familie in Zürich geboren. Er verließ die Schweiz bereits in jungen Jahren, um ab 1979 rabbinische Studien im israelischen Bnei Berak, später in Chicago, Baltimore und Jerusalem zu absolvieren. 1987 erhielt er die Semicha (formelle Einsetzung als Rabbiner); neben der Ordination hält er einen Master-Grad in Talmudischer Jurisprudenz und – nach Abschluss eines säkularen Studiums an der Johns Hopkins University in Baltimore – einen Master of Science. Goldschmidt ist verheiratet und Vater von sieben Kindern.

Nach Erteilung der Semicha arbeitete er zunächst in Nazareth-Illit, dem heutigen Nof HaGalil, bevor er sich 1989 auf Bitten des israelischen Oberrabbinats, des Jüdischen Weltkongresses und einiger jüdischer Organisationen und Aktivisten, die den jüdischen Untergrund in der UdSSR unterstützten, entschied, „den Westen zu verlassen und in die Sowjetunion zu gehen, um jüdisches Leben in einem kommunistischen Land wiederzubeleben“, und in die damalige Sowjetunion übersiedelte, um dort das jüdische Leben zu restrukturieren.

Nach dem gescheiterten Putsch 1991 und der Gründung der Russischen Föderation war Goldschmidt maßgeblich an der Entwicklung kommunaler und politischer Strukturen der befreiten jüdischen Gemeinde beteiligt – angefangen mit Suppenküchen, Kindergärten und Schulen bis hin zum Kongress der Jüdischen Religiösen Organisationen und Vereinigungen in Russland. 1993 erfolgte seine Wahl zum Oberrabbiner von Moskau.

Mit welchen Schwierigkeiten er bei der Interessenvertretung der jüdischen Glaubensgemeinschaft auch noch Jahre später konfrontiert war, wurde deutlich, als ihm 2005 nach einem Aufenthalt in Israel die Wiedereinreise (zunächst) verweigert wurde. Erst drei Monate später konnte er – nach internationalen Protesten – in seine Gemeinde zurückkehren.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verließ er Moskau schließlich im März 2022, nachdem er sich dem Druck auf die Leiter der jüdischen Gemeinden, den Krieg zu unterstützen, widersetzt hatte. Die Meldung, er sei daraufhin vom russischen Justizministerium offiziell als „ausländischer Agent“ gelistet worden, kommentierte er israelischen Medien zufolge, er sei „stolz darauf, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen und sich in die Liste der Menschen einzureihen, die sich diesem schrecklichen Krieg widersetzen, der Hunderttausende das Leben gekostet hat“.

Bereits im Juli 2011 wurde Oberrabbiner Goldschmidt zum Präsidenten der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) gewählt. In der bald 70-jährigen Geschichte der CER ist er erst der vierte Präsident der Konferenz, die mit ihren über 700 Rabbinern eine führende Stimme des Judentums in Europa ist – und ihren Sitz kürzlich von London nach München verlegte.

Im Dialog mit Vertretern der europäischen Organe, der OSZE und nationaler Regierungen, in unzähligen Reden, Stellungnahmen und Kommentaren, informiert Oberrabbiner Goldschmidt regelmäßig über den Zustand der jüdischen Gemeinschaft, diskutiert die Bedrohungen des Antisemitismus und kämpft gegen die Einschränkung religiösen Lebens in Europa. Als Repräsentant einer der ältesten religiösen Minderheiten in Europa hat er es sich zum Ziel gesetzt, „dabei behilflich zu sein, diesen schwelenden Antagonismus und den Konflikt zu beenden, der sich als größte Gefahr für die Einheit und die Sicherheit Europas in den kommenden Jahren erweisen könnte. Ich glaube, wir haben die Pflicht, eine Atmosphäre der Toleranz und des gegenseitigen Respekts zwischen dem modernen säkularen Staat und den derzeitigen religiösen Bewegungen zu schaffen, um sicherzugehen, dass das Experiment namens Europäische Union nicht scheitert“.

Besondere Beachtung und große Wertschätzung findet vor allem auch das Engagement Goldschmidts für den interreligiösen Dialog. So war er 2015 Mitgründer des europäischen Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC), dem hochrangige jüdische und muslimische Würdenträger angehören und der den Erhalt von Religionsfreiheit und religiösem Frieden, eine Vertiefung des Dialogs und das bessere wechselseitige Verständnis zwischen Europas ca. 1,5 Millionen Juden und über 40 Millionen Muslimen zum Ziel hat. Der Rat, dem Oberrabbiner Goldschmidt gemeinsam mit dem Großmufti von Slowenien, Nedžad Grabus, vorsitzt, ist eine – nicht nur für Europa – ganz außergewöhnliche Konstellation; schließlich kommen jüdische und muslimische Religionsführer in der Regel allenfalls bei interreligiösen Fachkonferenzen, Trialog-Veranstaltungen der drei großen abrahamitischen Religionen oder öffentlichen politischen Terminen zusammen. „Wir arbeiten mit Imamen in Europa zusammen, um gegen die Bedrohung der Religionsfreiheit zu kämpfen“, unterstreicht Goldschmidt. „Auch auf nationaler Ebene befürworten wir diesen Dialog und streben danach. Das ist nicht immer leicht. Aber wir glauben, dass er sehr wichtig ist. Denn die Gefahr für die jüdischen Gemeinden kommt nicht nur von der extremen Rechten, sondern auch von radikalreligiösen Muslimen. Deshalb ist die muslimische Geistlichkeit bei diesem Dialog äußerst wichtig.“

Ganz „abgesehen von der Simplifizierung: ‚der‘ Islam, ‚die‘ Muslime“ – sind für Oberrabbiner Goldschmidt denn auch „die Muslime, die in Europa leben, studieren, arbeiten wollen und mit denen wir keine Probleme haben, […] unsere Verbündeten“ – auch und gerade gegen den radikalen Islamismus.

Auch der jüdisch-christliche Dialog hat durch die CER und Oberrabbiner Goldschmidt maßgebliche Impulse erfahren: So liegt mit dem Dokument „Zwischen Jerusalem und Rom“ seit 2016 die erste offizielle Erklärung rabbinischer Organisationen zum Christentum, gleichsam eine jüdische Antwort auf die 1965 vom Zweiten Vatikanischen Konzil angenommene Erklärung „Nostra aetate“, vor – ein Meilenstein in den jüdisch-christlichen Beziehungen. „Wir erleben einen fruchtbaren Moment im Dialog“, erklärte denn auch Papst Franziskus, als er im August 2017 eine Delegation europäischer, amerikanischer und israelischer Rabbiner zur Entgegennahme der Erklärung im Vatikan empfing. Und auch Oberrabbiner Goldschmidt, Leiter der Delegation, sprach im Anschluss von einem historischen Moment und zeigte sich hoffnungsvoll, „dass wir das als Auslöser für verstärkte Zusammenarbeit in der Zukunft nutzen können“.

„Heute mehr denn je“, so seine Überzeugung, ist „Dialog notwendig, um sicherzugehen, dass dieses Jahrhundert nicht wie das letzte in Blutvergießen und Krieg, in Verzweiflung und Hass gipfelt. Da sich heute, mit der Ankunft neuer Einwanderergesellschaften und Gruppen, der Charakter Europas verändert, denke ich, dass wir, die Juden, die, nachdem sie ihr Land und ihre Heimat verloren hatten, nicht nur überlebten, sondern Jahrhunderte und Jahrtausende als Minderheit lebten und Erfolg hatten, unsere Erfahrung und Expertise mit anderen teilen wollen, um Europa und die Welt zu einem besseren Ort zu machen, zu einem sicheren Ort zu unserem eigenen Wohl und dem zukünftiger Generationen.“

Anlässlich seines letzten Treffens mit Papst Franziskus im November 2023 nahm Oberrabbiner Goldschmidt auch zur aktuellen Situation im Nahen Osten einmal mehr prononciert Stellung: „Wir [der CER] sind für den Frieden. Wir glauben an das Selbstbestimmungsrecht von jedem Volk. [...] Wir hoffen, dass die zivile Bevölkerung so wenig die möglich an diesem Krieg leidet. Wir beten für sie, und wir hoffen, dass der Frieden zurückkommt, in den Nahen Osten, im Heiligen Land und auch in Europa.“ Seine Hoffnung: „Aus Gaza wird ein freies demokratisches Land, das keine Gefahr für Israel darstellt, sondern Sicherheit und ein Leben in Frieden für die Bürger gewährleistet. Oder Gaza muss von einem Palästinenserchef verwaltet werden, der von einer Gemeinschaft der arabischen Staaten unterstützt wird.“

Für das Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen ist es ein wichtiges Anliegen darauf hinzuweisen, dass alle Menschen das Recht haben, in sicheren Grenzen und einer freien, friedlichen und demokratischen Gesellschaft zu leben.

Mit Blick auf Europa äußert Oberrabbiner Goldschmidt eine ernste Besorgnis, denn: „Antisemitismus ist wieder politisch korrekt geworden.“Hat das Judentum in Europa eine Zukunft, fragte die Jüdische Allgemeine den CER-Präsidenten kürzlich provokativ. „Wenn wir auf Russland schauen“, so Goldschmidts Antwort, „habe ich meine Zweifel. Je autoritärer dieses Land wird, desto weniger Juden werden dort verbleiben. Was die Ukraine angeht: Wenn es einen Marshallplan geben wird, mit dem nach dem Ende des Krieges alles wiederaufgebaut wird, sehe ich durchaus Chancen, dass das jüdische Leben dort wieder erblüht. Und was die EU-Länder angeht: Viel hängt davon ab, ob es extreme Parteien an die Macht schaffen, und ob Europa ein Raum bleiben wird, der Freiheit, Sicherheit und Vielfalt auch für Juden garantieren kann.“

Mit dem Präsidenten der Konferenz der europäischen Rabbiner, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, und den jüdischen Gemeinschaften in Europa würdigt das Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen im Jahr 2024 den herausragenden Repräsentanten des europäischen Judentums und das jüdische Leben in Europa, das unseren Kontinent seit Jahrhunderten bereichert und hier immer seinen Platz haben wird und haben muss.