Der Karlspreisträger 1953

Jean Monnet

Laudatio von Anton Storch, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung

Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Im Auftrage und im Namen des Herrn Bundeskanzlers und der Bundesregierung habe ich die Ehre, dem Herrn Präsidenten Monnet zur Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen die besten Glückwünsche zu überbringen. In den wenigen Jahren seit seiner Stiftung hat der Karlspreis der Stadt Aachen schon die Bedeutung einer hohen Auszeichnung erworben, die nur einer Persönlichkeit zuteil werden kann, welche sich um die Einigung Europas hervorragende Verdienste erworben hat. Der Karlspreis ist zu einem Ausdruck der Sehnsucht unserer Völker nach Verwirklichung des großen europäischen Gedankens geworden.

Es ist die Stadt Aachen, die den Karlspreis verleiht, und sie hat einen historisch gut begründeten Anspruch darauf, sich zum Sprecher dieser europäischen Sehnsucht zu machen. Die europäische Gesinnung, die sich in unserer jetzigen Feierstunde ausdrückt, ist heute überall lebendig. Wo diese Gesinnung sich äußert, beruft sie sich gern auf geschichtliche Beispiele, auf gute alte Traditionen. Man soll keine skeptischen Einwände dagegen vorbringen, und soll das nicht mit Romantik abtun. Was hier zum Ausdruck kommt, ist ein echtes, tiefes Verlangen der Völker nach Frieden und Freundschaft über die Grenzen hinweg. Wenn wir dieses Verlangen verwirklichen, so leisten wir unseren Völkern den besten Dienst.

Die Einigung Europas muß von uns aber auch besonders unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werden. Herr Monnet und andere kluge Staatsmänner haben dies klar erkannt. Sie, Herr Präsident Monnet, stehen hierbei mit an der vordersten Stelle. Die Bundesregierung ist mit Ihrem Wirken in den vergangenen drei Jahren in ständigem Kontakt. Sie weiß aus unmittelbarer Erfahrung, welch entscheidendes Verdienst Ihnen zukommt, wenn das einige Europa sich nunmehr der Verwirklichung nähert, ja, in einem wesentlichen Teilabschnitt bereits verwirklicht ist. Ihnen vor allem ist es zu danken, daß mit der Konzeption, der Ausarbeitung und Verwirklichung des Vertrages über die Gemeinschaft für Kohle und Stahl die entscheidenden neuen Impulse entstanden sind, um den Bann des Herkömmlichen zu brechen und auf neuen erfolgversprechenden Wegen voran zu schreiten.

Es ist mir eine besondere Freude, daß die Bundesregierung mich bestimmt hat, diese Wünsche zu überbringen. Ich bin durch meine Tätigkeit als Arbeitsminister in besonderem Maße mit Ihrem Wirken in der Montangemeinschaft verbunden. Die Hebung des Lebensstandards der Menschen in der westeuropäischen Völkergemeinschaft gehört zu den grundlegenden Zielen des Vertrages. Diese Zielrichtung stellt einen unabdingbaren Teil des Wesens der Gemeinschaft dar. Hierbei handelt es sich also nicht um die Schaffung eines Superkartells, sondern um eine von lebendigen Kräften getragene und den Menschen dienende Gemeinschaft. Nicht nur die Wirtschaft in einem technischen Sinne ist es, die wir zu sehen haben, sondern: Der lebendige Mensch und die Erfüllung seiner Sehnsucht im Werden Europas ist Zweck dieser Gemeinschaft. Um diesen Sinn zum Ausdruck zu bringen, ist das Wort ?Gemeinschaft? gewählt worden.

Herr Präsident, in diesem Sinne haben Sie Ihre Aufgabe aufgefaßt, in diesem Sinne haben Sie gearbeitet. Ihre weltweite Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten der Wirtschaft und der internationalen Organisationen hat Sie gelehrt, nicht in engen Begrenzungen stehenzubleiben. Ihre Erfahrung hat Sie gelehrt, daß eine europäische Lösung nur gut sein kann, wenn sie alle Kräfte des Menschen anspricht und in ihren Dienst stellt. Man hat Sie wiederholt sagen hören, daß sich der Sinn der Gemeinschaft für Kohle und Stahl nicht darin erschöpft, für diese beiden Grundstoffe technische Regelungen zu treffen, sondern daß ihr wirklicher Sinn darüber hinaus geht, daß ihre eigentliche Bedeutung darin liegt, auf diesem besonderen Sektor das ganze Europa vorzubereiten, und die Kräfte wirksam zu machen, die es bilden müssen.

Wir wissen, daß Sie auf diesem Wege noch Hindernisse finden werden. Die Widerstände einzelner Interessenten, politische Schwierigkeiten, vor allem aber auch die in der Sache liegenden Probleme fordern jeden Tag neue Anstrengungen. Es ist unvermeidlich, daß auch von Seiten Ihrer Behörde manches geschehen muß, was vielleicht im Anfang bei den Beteiligten kein rechtes Verständnis finden wird. Das ist aber unvermeidlich. Die Schwierigkeiten, die sich so ergeben, stellen nur, wie Sie selbst einmal gesagt haben, das Maß des Fortschrittes dar, in dem wir begriffen sind. Es sind Schwierigkeiten, die wir gemeinsam überwinden können und werden.

Mit dem Dank für das Geleistete verbinde ich die feste Überzeugung, daß es unter Ihrer besonderen Mitwirkung gelingen wird, die europäischen Menschen zur Einigkeit und zu einer besseren Zukunft hinzuführen.